Sonntag, 16. Juni 2013

Die Poesie des einzelnen Lebens - vermag sie uns zu tragen?

Raimund Gregorius ist wieder zurück in Bern. Fünf Wochen sind seit seinem ersten Aufbruch nach Lissabon vergangen. Schwindelanfälle, der Rat der Lissaboner Augenärztin und seines Berner Freundes Doxiades haben ihn dazu gebracht, sich in Bern vertiefter medizinisch untersuchen zu lassen – mit dem Eintritt in die Klinik endet das Buch.

Wir erinnern uns, was den Gymnasiallehrer für alte Sprachen mitten aus einer Lektion hat gehen und überstürzt nach Lissabon hat reisen lassen: Der Klang des Wortes Português, das eine rätselhafte Frau, der er im strömenden Februarregen auf einer Berner Brücke begegnet war, ausgesprochen hat; und der Zufallsfund eines archivarischen Buches in einer Buchhandlung, dessen Sätze ihn – obwohl oder weil in Portugiesisch verfasst – sogleich verzaubert haben.
Mundus wollte deswegen herausfinden, wie es war, Amadeu Prado – der Autor dieses Büchleins, ein „Goldschmied der Worte“ – gewesen zu sein. Er sucht Personen auf, die den Arzt und späteren Widerstandskämpfer gekannt haben, lernt Portugiesisch und übersetzt für sich Prados lebensphilosophische Aufzeichnungen – bis ihm schwindlig wird und er zusammenbricht: Vielleicht weil er sich derart intensiv zu identifizieren vermag mit diesem Menschen, der wegen eines geplatzten Aneurysmas im Kopf umgekommen ist, dass ihn die Angst überfällt vor einem Hirntumor?

Als eingefleischter Berner ist er aufgebrochen – als eigentlicher Fremder kommt er zurück. Zwar fotografiert er: „Er wollte Bern fotografieren. Festhalten, womit er all die Jahre gelebt hatte. (...) Kurz vor dem Einschlafen bekam er jedesmal Angst, in Schwindel und Bewusstlosigkeit zu versinken und ohne Erinnerung aufzuwachen.“ Aber als er die entwickelten Bilder anschaut, merkt er: „Es waren fremde Bilder, sie hatten nichts mit ihm zu tun:“ Auch als er den Bubenbergplatz „berühren“ will, spürt er nichts.

Amadeu Prado – das erfährt Mundus von Estefânia – wäre gerne mit ihr von Finisterre auszu einer Reise aufgebrochen nach Lateinamerika; sie wollte ihn jedoch nicht begleiten, denn sie hat erkannt, dass es „ganz allein seine Reise gewesen wäre, seine innere Reise in vernachlässigte Zonen seiner Seele.“
Mundus jedoch hat diese Reise gewagt, intuitiv, spontan: eine Art Nachtmeerfahrt durch die Tiefen seiner Seele – als Gewandelter kommt er zum Ausgangspunkt zurück. Er hat einen Satz in Prados Buch verifiziert (ohne es zu wollen): 
Das Leben ist nicht das, was wir leben; es ist das, was wir uns vorstellen zu leben.“ 
Vor wenigen Wochen noch wäre es für Gregorius unvorstellbar gewesen, auch nur ein Jota abzuweichen von seinem gewohnten Lebensgang – seine Schüler nannten ihn ja auch liebevoll „den Papyrus“.
Aber jetzt ist er lebensklugen und kraftvollen Frauen begegnet, hat mit ungebrochenen älteren Männern Schach gespielt; er hat eine moderne neue Sprache gelernt, sich ein moderneres Outfit verpasst; er trägt eine neue Brille, hat eine neue Sicht auf sein Leben gewonnen – und ist gleichzeitig dabei, seine Sterblichkeit zu erkennen und die Notwendigkeit, abschiedlich leben zu lernen (Weischedel).
Prado formuliert es in seinem Büchlein so:
Unser Leben, das sind flüchtige Formationen aus Treibsand, von einem Windstoss gebildet, vom nächsten zerstört. Gebilde aus Vergeblichkeit, die verwehen, noch bevor sie sich richtig gebildet haben.“
Die Tür der Klinik schliesst sich hinter Mundus. Wir schauen ihm nach, wie er im Dämmer des Gangs verschwindet.
Was uns bleibt, ist die Poesie des einzelnen Lebens. Ist sie stark genug, uns zu tragen?“ schreibt Prado.
Wir hoffen es: für Mundus – und für uns.

Mittwoch, 12. Juni 2013

Unser Leben gleicht der Reise: Bern – Lissabon – Finisterre und zurück

Ein Thema in Pascal Merciers Roman Nachtzug nach Lissabon verdichtet sich zusehends: das Thema des Reisens, des Unterwegsseins, des Entdeckens unbekannter Gegenden.

Da sei zuerst Gregorius' eigene Reise ins Unbekannte genannt; auf den Spuren des Goldschmieds der Worte, Amadeu Prado, reist er von Bern nach Lissabon, von da nach Coimbra und weiter über die spanische Grenze ans „Ende der Welt“, das Kap Finisterre – und wieder zurück. Unterwegs erlebt er sich selber neu, kleidet sich neu, lernt eine neue Sprache, verpasst sich eine neue Brille und entdeckt so die Welt, das Leben neu. Innerhalb eines Monats erlebt er so viel, dass es zum schwindlig Werden ist; effektiv wird er immer häufiger von Schwindel erfasst, zwei Mal bricht er zusammen und muss fortan von panischer Angst vor einem Gehirntumor begleitet seinen Aufenthalt in Portugal durchleben.

Gregorius' Quasi-Reiseführer ist Prados Buch, ein eigentliches Kompendium philosophischer Texte. Darin findet sich – man ist geneigt zu sagen: natürlich – auch ein Text zum Thema: ESTOU A VIVER MIM PRÓPRIO COMO NUM COMBOIO A ANDAR. ICH WOHNE IN MIR WIE IN EINEM FAHRENDEN ZUG. Dieser Text beginnt so:
Ich bin nicht freiwillig eingestiegen, hatte nicht die Wahl und kenne den Zielort nicht. Eines Tages in der fernen Vergangenheit wachte ich in meinem Abteil auf und spürte das Rollen. (...) Es war in Coimbra, auf einer harten Bank im Hörsaal, als mir bewusst wurde: Ich kann nicht aussteigen. Ich kann das Geleise und die Richtung nicht ändern. Ich bestimme das Tempo nicht.“
Der im Abteil aufliegende Fahrplan enthält nur leere Seiten. Die Abteiltür zu öffnen ist unmöglich. Manchmal kommt Besuch. Wenn man aus dem Fenster schaut, sieht man weder die Lokomotive noch das Ende des Zugs. Vielleicht fährt man im Kreis?
Die Reise ist lang. Es gibt Tage, wo ich sie mir endlos wünsche. ... Es gibt andere, wo ich froh bin zu wissen, dass es einen letzten Tunnel geben wird, in dem der Zug für immer zum Stillstand kommt.“
Das Bild des Lebens als Reise ist zwar sehr bekannt – man lese nur Erich Kästners Eisenbahngleichnis, man höre das Beresinalied , letztlich ist es jedoch ausserordentlich passend, denn es macht auf einen Blick sichtbar, was wir alle in einem Nacheinander erleben. Es erstaunt also nicht, wenn Gregorius in einem Antiquariat auf ein Buch stösst, „zufällig“, das er schon auf Prados Schreibtstisch liegen gesehen hat. Es trägt den Titel O MAR TENEBROSO und enthält Bilder und Texte zum Cabo Finisterre, dem ein leidenschaftliches Interesse Prados galt. Beim Blättern nehmen ihn Worte des muselmanischen Geographen El Edrisí aus dem 12. Jahrhundert gefangen:
Man sieht nicht weiter als bis zu Himmel und Wasser, und sie [die Bauern] sagen, das Meer sei so stürmisch, dass niemand auf ihm habe fahren können. (...) Niemand weiss – sagt man uns –, was es in diesem Meer gibt, und man kann es auch nicht untersuchen, denn es gibt zu viele Hindernisse, die sich der Schiffahrt entgegenstellen: die tiefe Finsternis, die hohen Wellen, die häufigen Stürme, die zahllosen Ungeheuer, die es bevölkern, und die heftigen Winde.“
Das Bild des Lebens als Reise verdichtet sich hier und wird zur eigentlichen Nachtmeerfahrt, einer Reise ins und durchs Unbewusste (siehe diesen Begriff bei C. G. Jung), durch Finsternis, drohende Wellen und vorbei an lauernden Ungeheuern. Sie gilt es zu bestehen.
Eine solche Reise macht auch Gregorius durch; was anfänglich nach einer reinen Spurensuche aussah, ausgelöst von einer mysteriösen Frau und einem portugiesischen Wort, erweist sich zunehmend als Reise durch das nächtliche seelische Innere, auf der Mundus mit schwierigsten Situationen konfrontiert wird wie der, dass er sich plötzlich nicht mehr zu erinnern vermag an das Wort, das bei Homer nur ein einziges Mal vorkommt (es wird ihm bezeichnenderweise auf der Rückfahrt, also beim langsamen Wiederauftauchen, von seinem Gehirn „geschenkt“) oder den Schwindelanfällen und Panikattacken.

Dass der reisende Gymnasiallehrer auf der Rückfahrt nach Lissabon an Kafkas Landvermesser denkt, der Einlass begehrt ins Schloss, ist nur noch das Pünktchen aufs I der Reisemetaphorik,welche dieser Roman ausbreitet. Gregorius Mundus wird in die Schweiz zurückkehren; nach Erreichen des Wendepunkts (Cabo Finisterre) kann es bekanntlich nur noch retour gehen.

Dienstag, 11. Juni 2013

Ist Gelingen Glückssache?

Ein weiterer Fund aus Prados Buch:
Wenn wir verstanden haben, dass es bei aller Anstrengung doch reine Glückssache ist, ob uns etwas gelingt oder nicht; wenn wir also verstanden haben, dass wir in allem Tun und Erleben Treibsand sind vor uns selbst und für uns selbst: Was geschieht dann mit all den vertrauten und gepriesenen Empfindungen wie Stolz, Zerknirschung und Scham?“
Wenn man mit der Idee einverstanden ist, dass Gelingen „reine Glückssache“ ist, dann haben die erwähnten Empfindungen von der Logik her effektiv keinen Platz mehr in unserem Gefühlsrepertoire. Und doch können wir Scham empfinden, können zerknirscht oder stolz sein. Ergo müssten zumindest diese drei Empfindungen anerzogen worden sein; wir würden als nicht nur Dummheit lernen (wie Jürg Jegge 1980 in einem damals fulminanten Buch aufgezeigt hat), sondern auch Scham, Stolz und Zerknirschung. Gefühle: Ein soziales Konstrukt?

Die Psychiatrie unterscheidet tatsächlich zwischen Grundgefühlen (wie Angst, Freude, Wut) und sozial anerzogenen Gefühlen (wie Schuld und Scham). Auch hier lässt das Buch im Buch – Prados Text – nicht nur Gregorius und seinen aktuellen Gastgeber Silveira, sondern auch uns Leserinnen und Leser einmal mehr nachdenklich werden. Wie schon bei früheren Gelegenheiten und anderen Textstellen gesehen, erweist sich Amadeu Prados kleines Buch als eigentliches philosophisches Werk, das sowohl Gregorius Mundus als auch uns anderen den Spiegel vorhält: Reflektieren ist angesagt!

Und was geschieht - angenommen, Prado habe recht - mit der Selektions-Relevanz der Leistungsmessungen in der Schule?

Montag, 10. Juni 2013

Wie werde ich, der ich bin? Wie werde ich ganz?

Gregorius möchte erfahren, wie es ist, Amadeu Prado gewesen zu sein; er trifft sich mit Menschen, die den Arzt gekannt, mit ihm gelebt haben, ihm in Freundschaft verbunden waren.
Er sucht Maria João auf, „die grosse, berührungslose Liebe seines Lebens“, wie Mélodie, Amadeus Schwester, sie genannt hatte; sie ist um die 80 und strahlt „eine unauffällige und doch vollkommene Sicherheit und Selbständigkeit aus“.
Nachdem er ihr seine Geschichte erzählt hat, gibt sie ihm einige Aufzeichnungen Prados, die er ihr zur Aufbewahrung gegeben hat, zu lesen. Im Text MEMENTO MORI findet sich unter anderem dies:
Verschwende deine Zeit nicht, mach aus ihr etwas Lohnendes. Doch was kann das heissen: lohnend? Endlich dazu übergehen, langgehegte Wünsche zu verwirklichen. (...) Sich selbst nicht verfehlen.“
Was Prado schreibt, findet sich zwar bei vielen Philosophinnen, Denkern, Künstlerinnen und Künstlern – und liegt im Grunde bei uns allen im Bewusstsein eingebettet. „Sich selbst nicht verfehlen“ ist jedoch vermutlich die komplexest mögliche Aufgabenstellung, die wir zu lösen haben, und es ist anzunehmen, dass wir ein ganzes Leben dafür brauchen (und wahrscheinlich erst in der Todesstunde wirklich spüren, ob wir der Lösung näher gekommen sind).
Vielleicht haben wir eine Ahnung, zumindest eine Ahnung dessen, was und wer wir eigentlich sein könnten, sein müssten – wenn wir nur gedurft oder gekonnt hätten. Insbesondere bei Arno Gruen (siehe frühere Einträge in diesem Blog) und bei C. G. Jung geht es um dieses Thema. An die analytische Psychologie des Letzteren erinnert auch das, was Maria João sagt über Estefânia: „Er muss gespürt haben, dass sie für ihn die Chance war, ganz zu werden. Als Mann, meine ich.“

Vielleicht ist es tatsächlich das Ziel eines jeden menschlichen Lebens: ganz zu werden (nicht nur als Mann). Die abgespaltenen, verdrängten Seiten des Ichs zu integrieren. Alle Begabungen und Talente, alle Facetten seines Wesens zu beleben, zum Leuchten zu bringen, zu leben. Ein ganzer Mensch zu werden und zu sein.
Vielleicht spürt Gregorius Mundus diesen inneren Anruf? Vielleicht hat er ihn in der Begegnung mit der rätselhaften Frau auf der Brücke vor einem knappen Monat erstmals wirklich vernommen und verstanden? Vielleicht geht es letztlich weniger um Prado als um den „Papyrus“ (wie ihn seine Schüler zu nennen pflegten)?

Ganz werden kann man nur in der Begegnung mit anderen (Buber würde sagen: im Dialog mit einem Du). Mit wem hat sich Amadeu Prado zusammen getan?
Er hat einen Freund, Jorge O'Kelly, den Apotheker.
Und dann sind da wichtige Frauen:
Adriana, seine Schwester, der er das Leben gerettet hat und die sich seither für ihn aufopfert und gleichzeitig die einzige „Frau an seiner Seite“ sein möchte.
Maria João Ávila, mit der ihn „eine lebenslange Freundschaft“ veband.
Fátima, seine Frau, die er – nach Ansicht von Maria João - „bevormundet hat“, deren Tod zwar Erschütterung war für ihn, aber keine, die „in die tiefste Tiefe hineingedrungen wäre“.
Estfânia, die junge Widerstandskämpferin, von der Maria João sagt: „Das gibt es ja: Dass man nicht weiss, was jemandem fehlt, bis er es bekommt, und dann ist mit einem Schlag ganz klar, dass es das war.“
Frauen(typen), welche Prados Anima nähren, damit er seiner Ganzwerdung näher kommen kann?

Mir gefällt die Vorstellung, dass mein Unbewusstes mich zu den Menschen führt respektive mich mit den Menschen zusammenbringt, die mich weiterbringen in der oben erwähnten Aufgabe. Zu hoffen bleibt, dass ich meinerseits (unbewusst) auch etwas beitragen kann zu deren Entwicklung.

Donnerstag, 6. Juni 2013

Wann wird aus der Zeit meine Zeit?

Nach drei Wochen Aufenthalt in Lissabon merkt Gregorius, „wie sich in der Tiefe etwas umschichtete.“ Zum ersten Mal im Leben hat er den Eindruck, die Zeit gehöre ganz ihm; „sie war einfach die Zeit, in der Raimund Gregorius sein neues Leben lebte.“ Auch in einem Eintrag in Prados Buch, TEMPO ENIGMÁTICO. RÄTSELHAFTE ZEIT wird er auf das Phänomen Zeit gestossen:
Wovon hängt es ab, wenn wir einen Monat als eine erfüllte Zeit, unsere Zeit erlebt haben statt einer Zeit, die an uns vorbeigeflossen ist, die wir nur erlitten haben, die uns durch die Finger geronnen ist, so dass sie uns wie eine verlorene, verpasste Zeit vorkommt, über die wir nicht traurig sind, weil sie vorbei ist, sondern weil wir aus ihr nichts haben machen können? Die Frage war also nicht: Wie lange ist ein Monat, sondern: Was könnte man für sich aus der Zeit eines Monats machen? Wann ist es so, dass ich den Eindruck habe, dass dieser Monat ganz meiner gewesen ist?“
Wann also wird aus der Zeit meine Zeit? Wann beginne ich in ihr zu wohnen, statt mich von ihr mitreissen, fortreissen zu lassen? Wann erlebe ich den rinnenden Sand im Stundenglas nicht mehr als Beobachter, sondern als rinnendes Sandkorn?
Bin ich dann ein Bewohner meiner Zeit, wenn ich sie vergesse? Oder erst recht ein Fremdling ausserhalb? Kann ich über (meine) Zeit verfügen? (Wie es im militärischen Befehl anklingt: „Sie können jetzt verfügen!“) Oder zwingt sie mir ihren irreversiblen Rhythmus des Fortgangs auf?
Kann man zeitvergessenes Dasein als reine Gegenwärtigkeit vielleicht sogar Glück nennen, wie J. J. Rousseau es in seinem berühmten 5. Spaziergang in den Rêveries du promeneur solitarire tut?
Mais s'il est un état où l'âme trouve une assiette assez solide pour s'y reposer tout entière et rassembler là tout son être, sans avoir besoin de rappeler le passé ni d'enjamber sur l'avenir ; où le temps ne soit rien pour elle, où le présent dure toujours sans néanmoins marquer sa durée et sans aucune trace de succession, sans aucun autre sentiment de privation ni de jouissance, de plaisir ni de peine, de désir ni de crainte que celui seul de notre existence, et que ce sentiment seul puisse la remplir tout entière ; tant que cet état dure celui qui s'y trouve peut s'appeler heureux, non d'un bonheur imparfait, pauvre et relatif tel que celui qu'on trouve dans les plaisirs de la vie, mais d'un bonheur suffisant, parfait et plein, qui ne laisse dans l'âme aucun vide qu'elle sente le besoin de remplir.“
In der Landschaft der Zeit herumwandern lässt einen viele Fragen entdecken, deren Antworten ihrerseits dem Wandel unterliegen – wie die Zeit, wie die Sanddünen. Nur eines ist ganz klar: Selbst wenn ich die Zeit vergesse, bleibt sie da als meine Zeit, die irgendwann abläuft. Ganz im Sinne des Zeitforschers Karlheinz Geisslers aus München, der in einem Interview gesagt hat:
Die neuen Systeme geben keine Zeiten vor. Sie sind ohne Zeitordnung – das ist das Problem. Das Internet ist ein zeitliches Nirwana. Fehlende Zeitvorgaben suggerieren zeitliche Freiheit, ja Zeitlosigkeit zu Lebzeiten. Das ist hoch attraktiv und macht süchtig. Alles wird möglich, von der Müdigkeits- bis zur Todesverdrängung. Diese Illusion muss man den Nutzern nehmen und ihnen sagen: Du selbst bist Zeit! Alles, was du der Zeit antust, tust du dir selber an.“

Dienstag, 4. Juni 2013

Darf man einen Menschen töten, um viele Menschenleben zu retten?

Wieder einmal fährt Gregorius zu João Eça zum Schachspiel. Diesmal aber beginnt João zu erzählen, erzählt die Geschichte von Estefânia Espinhosa und Jorge O'Kelly, dem Mädchen mit „dem unglaublichen Gedächtnis. Vergass nichts, Adressen, Telefonnummern, Gesichter.“ Dieses Mädchen, das von O'Kelly geliebt wird, das sich aber zu Amadeu hingezogen fühlt, der es jedoch wegen „der eisernen Barriere der Loyalität gegenüber Jorge“ abweist – dieses Mädchen wird zum Zentrum des Widerstands gegen Salazar. Denn „das ganze Lissaboner Netz ist hinter ihrer Stirn“, etwa zweihundert Leute. Als ein Mitglied der Widerstandsgruppe verhaftet wird und anzunehmen ist, dass die Geheimpolizei sehr bald auch Estefânia jagen wird, will O'Kelly sie töten. „Es geht um viele Leben. Ein Leben gegen viele, das ist seine Rechnung.“ Ein vertretbarer Mord?
Amadeu bringt sie ausser Landes; „als er zurückkam, wurde er krank.“

Diese Geschichte ist nicht nur als solche spannend; sie wirft auch philosophische Fragen auf und zeigt das schier übermenschliche doppelte Dilemma, in welchem Amadeu steckt:
  • Seiner Liebe, „seinem Hunger“ nachgeben, Estefânia lieben – oder die Loyalität gegenüber seinem Freund hochhalten?
  • Das Ansinnen des Freundes unterstützen und ihn Estefânia umbringen lassen – oder sie vor ihm (und Salazars Schergen) zu retten versuchen und damit den Widerstand und die Freundschaft in Gefahr bringen?


Darf man einen Menschen töten, um viele Menschenleben zu retten?
Dieser Frage geht Michael J. Sandel in seiner berühmten Harvard-Vorlesung „Justice: What's The Right Thing To Do?“ nach, die millionenfach abgerufen wurde auf Youtube und die jetzt auch als Buch in Deutsch vorliegt.
Sandel zeigt auf, dass es zwei 
„konkurrierende Annäherungen an das Problem der Gerechtigkeit gibt. Dem ersten Ansatz zufolge hängt die Moral einer Handlung allein von den Folgen ab, die sie nach sich zieht; richtig handeln wir demnach, wenn daraus nach Abwägen aller Umstände etwas Gutes herauskommt. Dem zweiten Ansatz zufolge dürfen wir uns moralisch gesehen nicht ausschliesslich um die Konsequenzen einer Handlung sorgen, weil unser Sozialleben durch bestimmte unbedingt zu respektierende Pflichten und Rechte gekennzeichnet sein sollte.“
Und etwas später:
„Hängt Moral davon ab, dass wir Kosten und Nutzen gegeneinander abwägen (oder Leben gegeneinander aufrechnen)? Oder sind bestimmte moralische Pflichten und Menschenrechte so grundlegend, dass sie über solchen Abwägungen stehen?“
Schauen Sie sich die erste Vorlesung an und geniessen (ja: geniessen) Sie, wie Sandel seine Argumente aus packenden Fragen heraus rhetorisch brillant entwickelt!

Mittwoch, 29. Mai 2013

Bin ich noch ich, wenn man mich erzogen hat?

Ich erzittere beim blossen Gedanken an die ungeplante und unbekannte, doch unausweichliche und unaufhaltsame Wucht, mit der Eltern in ihren Kindern Spuren hinterlassen, die sich, wie Brandspuren, nie mehr werden tilgen lassen. Die Umrisse des elterlichen Wollens und Fürchtens schreiben sich mit glühendem Griffel in die Seelen der Kleinen, die voller Ohnmacht sind und voller Unwissen darüber, was mit ihnen geschieht. Wir brauchen ein Leben lang, um den eingebrannten Text zu finden und zu entziffern, und wir können nie sicher sein, dass wir ihn verstanden haben.“
Was für eine Bildsprache! Was für eine brisante Aussage!
Sie findet sich ebenfalls in diesem nie abgeschickten Brief an den Vater, welchen Prado verfasst hat, und könnte in ihrer Aktualität durchaus von Alice Miller oder Arno Gruen stammen – von zwei modernen Forschenden also, die als Beispiele dienen mögen für Psychologen, die die Beschreibung dessen versucht haben, was Erziehung in weitestem Sinn einem Kind antun kann.
Diesen „eingebrannten Text“ nennt die Transaktionsanalyse Skript, die Psychoanalyse Über-Ich; er lässt sich verdutlichen mit Begriffen wie „Glaubenssätze“ oder „verlängerter Arm der Erziehung (der Eltern)“ - oder mit den Worten Prados als „mächtiger Text in mir, der über allem geherrscht hat, was ich bis heute fühlte und tat.“

Die Frage, die sich in solchen Zusammenhängen stellt, ist seit Jahrzehnten dieselbe: Bin ich eigentlich ich? Oder das Produkt meiner Erziehung, das dem Ich, welches ich ohne sie hätte ausbilden können, nur noch in etwa gleicht? Wer hätte ich werden und sein können, wäre ich nicht ge- und verformt worden durch erzieherische Einwirkungen?
Arno Gruen hat dazu eine klare Meinung, die er in all seinen Büchern aufs Eindrücklichste dargelegt hat (am deutlichsten vielleicht in Der Fremde in uns):
Hier offenbart sich der Teufelskreis unserer Entwicklung. Sie ist durch eine Kultur geprägt, die Eltern dazu bringt, die Lebendigkeit und Lebenslust ihrer Säuglinge als störend oder gar bedrohend zu erfahren. Ein Kind wird dann bald voller Angst und Unbehagen sein. So lernt es früh, dass der Teil in ihm, der sein eigenes ursprüngliches Selbst ist, die Beziehung zu den Eltern gefährdet und deshalb schlecht ist. Das Eigene wird unversehens zum Fremden gemacht. Dieses eigene Fremde aber muss von nun an beständig bekämpft werden. So wird es unterdrückt und durch ein erwartetes Verhalten ersetzt.“
Eine solche Entwicklung kann laut Gruen zum „Wahnsinn der Nomalität“ führen.

Dieser „mächtige Text“, der gleich einem Motto über Amadeu Prados Leben stand, lautet:
DIE ANDEREN SIND DEIN GERICHTSHOF.“ Unter diesem Verdikt des Vaters stand das Leben des Sohnes. Es gleicht einem anderen – berühmten – Satz aus der Weltliteratur, der Aussage: „L'enfer, c'est les Autres“ im Theaterstück von Jean-Paul Sartre, Huis clos von 1944. Wer immerzu unter dem urteilenden und letztlich richtenden Blick anderer zu leben verdammt ist, wird kaum je autonomes Subjekt seiner Lebensführung werden können.

Ja: Wer sind wir denn als angepasste Menschen? Wieviel Ich steckt noch in mir – abgesehen von meinem Genpool? Wen sehe ich, wenn ich in den Spiegel schaue?